Sonntag, 7. März 2010

✰ Roberto Bolaño - 2666

Eine atemberaubende Reise ins finstere Herz der modernen Welt – das verspricht mir, droht mir der Klappentext an. Was nimmt man mit auf eine solche Reise, frage ich mich. Nimm mich mit – sagt mein Verstand. Ohne mich wirst du dich dort nicht zu Recht finden. Nein, mich – sagt mein Herz. Du musst auch fühlen können, nicht nur denken. Was nehme ich mit?

Der ganze Roman ist für mich wie eine Reise. Sie beginnt bei vier Literaturwissenschaftlern, die den Schriftsteller Benno von Archimboldi suchen, den seit Jahren niemand mehr gesehen hat. Sie reisen um die Welt, zueinander und letztendlich zu sich selbst. Literatur verbindet und trennt sie. Ich reise mit ihnen; und finde es manchmal sehr anstrengend, ihnen zu folgen. Dies ist keine einfache Reise.

Nächster Halt Mexiko. Hier geschehen unaussprechliche Dinge. Frauen werden gefoltert, vergewaltigt, ermordet. Unzählige Frauen. Ihre Leichen liegen auf Müllhalden, in Straßengräben. Einfach weggeworfen. Mir stockt der Atem bei den teilweise brutalen Beschreibungen, aber auch bei dem emotionslosen Tonfall, den Bolaño hier anschlägt. Dies ist keine schöne Reise.

Und zwischendurch immer wieder Nebenschauplätze; Straßen, die ins Nichts führen, Sackgassen. Ich muss ihnen allen folgen. Denn sie sind es, die 2666 zu einem Hochgenuss machen. Die vielen kleinen Geschichten am Rande, die im Sande verlaufen und ab und zu auch wieder auftauchen und wichtig werden.

Kunstvoll gebaute Sätze, grotesker Humor, Horror – ich habe noch nie ein Buch gelesen, das all dies vereint. Die Figuren, die Bolaño erschafft sind so verschieden, so vielschichtig, dass sie einem noch lange im Gedächtnis bleiben. Authentisch, verletzlich, sympathisch, vulgär, charismatisch, gefährlich, verlogen – ich glaube, meine Adjektive reichen gar nicht aus, um jede ihrer Facetten zu beschreiben.

Für mich ist 2666 eines der Highlights des vergangenen Jahres, vor allem sprachlich gesehen. Ständig wechselnd zwischen trivial und anspruchsvoll, langen Erzählpassagen und kurzen Dialogen lässt sich Bolaños Sprache nur schwer beschreiben. Man muss sich auf sie einlassen, sie in sich aufsaugen, ihr folgen.

Eine lange Reise geht zu Ende. Ich habe gelacht und geweint. Und bin froh, beides mitgenommen zu haben – Herz und Verstand.



Gebundene Ausgabe: 1096 Seiten, erschienen bei Hanser Belletristik, September 2009. Aus dem Spanischen von Christian Hansen, Originaltitel: 2666
ISBN: 978-3446233966

2 Kommentare:

  1. Wenn man sich auf das Buch erst einmal eingelassen hat, ist es auch gar nicht zu lang. Im Gegenteil! Auch glaube ich, dass man beim zweiten Lesen noch mehr entdecken würde, man weiß ja am Anfang noch nichts über Archimboldi und worüber die Wissenschaftler reden...
    Ein großartiges Buch!

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  2. Tolle Rezi - tolles Buch. Nein: phänomenale Rezi - phänomenales Buch! Habe auch eine Rezi geschrieben: http://literaturkosmos.blogspot.com/2010/05/2666-ein-kosmos-fur-sich-lesen-ist-wie.html

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